Homeless Hotspots: Hilfreich oder horrend?

Wer bei der populären South BySouthwest (SXSW) Interactive Conference in Austin, Texas einen WiFi-Zugang suchte, stieß auf Ungewöhnliches, nämlich auf obdachlose Menschen, die höchstpersönlich als 4G-Hotspots fungierten. Sie trugen ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich bin [Name], ein 4G-Hotspot“, hatten ein Mifi-Device um den Hals gehängt und spazierten dergestalt durch das Gelände.  Wer den menschlichen Hotspot nutzen wollte, konnte dem heimatlosen Anbieter eine Spende zahlen. Die Idee der Homeless Hotspots stammt von BBH Labs und sorgt mittlerweile für heftige Auseinandersetzungen.

Viele heißen die Initiative gut, weil sie den Heimatlosen ein legitimes Einkommen verschafft. BBH Labs selbst bezeichnet sie denn auch als wohltätiges Experiment. Die Agentur will laut eigenen Aussagen auf der HomelessHotspots Website, damit eine moderne Version der Straßenzeitungen gründen, die ja ebenfalls darauf abzielen, Obdachlosen Arbeit und Einkommen zu verschaffen.

Bei der SXSW verdienten die Heimatlosen mit den Hotspots ein garantiertes Minimum von 50 Dollar für 6 Stunden; hinzu kamen die freiwilligen Spenden, die die SXSW-Teilnehmer zahlten. Wer den Obdachlosen zusätzlich Gutes tun wollte, konnte sie auf  der Homeless Hotspots-Website auch näher kennenlernen und ihnen auf ihr eigens zu diesem Zweck eingerichtetes PayPal-Konto Spenden überweisen.

Die Initiative hat aber auch Kritiker. Susan Brooks Thistlethwaite fragt in der Washington Post völlig befremdet, ob wir, als Gesellschaft, unsere Menschlichkeit denn komplett verloren hätten und Tim Carmody wettert in seinem Wired-Blog, die Initiative sei symptomatisch für all das, was das Leben in Amerika im 21 Jahrhundert so schrecklich mache. Sie würde Menschen versachlichen und für Marketing-Zwecke nutzen.

Klar, ist es degradierend, wenn man Menschen als Dinge (in diesem Fall als Hotspots) bezeichnet. Verschärfend kommt hinzu, dass man hier finanziell-minderbemittelte Menschen als Objekt in den Dienst ihrer betuchteren Pendants stellt.

Trotzdem: Mir scheint der moralisierende Eifer der Kritiker überzogen. Die Betroffenen, sprich die Obdachlosen, die in diesem Programm mitmachen, scheinen die Aktion zu begrüßen, wie nachstehendes Video zeigt. Keiner wird gezwungen, dabei zu sein. Wer es trotzdem tut, freut sich wohl über die Einkommensmöglichkeit. Ich frage mich, ob all jene, die nun energisch den Kopf schütteln, den Betroffenen auf andere, respektvollere Art zu helfen gedenken. Wenn nicht, sollten sie sich dann mit ihrer Kritik nicht besser zurückhalten?

Ich finde die Homeless Hotspots-Idee also nicht verwerflich. Eines stört mich aber doch, nämlich die Diktion: Anstatt „Ich bin ein 4G-Hotspot“ könnte es doch heißen „Sie suchen einen 4G-Hotspot? Ich kann helfen.“

Klingt weniger cool? Ich finde, cooler! Sie?

Aus der Marketing-Metropole New York:
Yvette Schwerdt

 

 

Author: y.schwerdt

Yvette Schwerdt ist Expertin für internationales Marketing mit dem Schwerpunkt Deutschland/Amerika. Sie leitet MADE-to-MARKET , New York. Die Agentur unterstützt Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum bei ihrem USA-Marktauftritt und amerikanische Firmen, die in Deutschland Geschäfte machen. In ihren Artikeln, Kolumnen und Vorträgen, referiert Yvette Schwerdt über interessante, lehrreiche Marketing News.

One thought on “Homeless Hotspots: Hilfreich oder horrend?”

  1. Im ersten Moment habe ich mir auch gedacht, ja, leider werden hier Menschen zu Marketingzwecken missbraucht, aber mal ehrlich, viele von uns machen das Tag für Tag und das umsonst. Indem sie nämlich all die Marken zur Schau tragen und dafür auch noch viel Geld bezahlen. Hier hat man den Vorteil, man nutzt etwas, gibt das Geld dafür einem Obdachlosen und hilft ihm dabei (sich hoffentlich keinen Alkohol davon zu holen) sondern wieder auf eigene Beine zu kommen… Die Frage ist nur, wo halten sich die Obdachlosen auf… Denn oftmals werden die ja auch aus Gebieten, wo ein Hotspot gebraucht werden könnte, vertrieben… Werd das Thema mal weiter verfolgen….

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