Viraler Videohit setzt auf Menschenkenntnis und Nächstenliebe

Wir, Marketeers, wissen mittlerweile recht genau, was moderne Verbraucher verabscheuen: Undifferenziertes Werbebombardement, zum Beispiel, und nervige Selbstverherrlichung, genau wie Schönfärberei, Humorlosigkeit und mangelnde Relevanz. Von entscheidender Bedeutung ist für uns deshalb nicht so sehr der Frage auf den Grund zu gehen, was dem heutigen Konsumenten missfällt, sondern, im Gegenteil, zu begreifen, was ihm gefällt. Ein Werbetreibender, der offenbar einen sechsten Sinn dafür entwickelt hat, ist Coca-Cola. Marketingaktionen des Getränkeherstellers werden oft mit Begeisterung aufgenommen und verbreiten sich wie Lauffeuer. Sein jüngster Wurf: Ein Videoclip, der gute Laune macht und zudem ein im Marketing bislang noch weitgehend unerforschtes Konzept einführt. Ich spreche von der Nächstenliebe. Sehen Sie hier das Video, das Coca-Cola vorige Woche freigeschaltet hat.

Das Material scheint von Sicherheitskameras aufgenommen worden zu sein. Es handelt sich aber nicht, wie man annehmen könnte, um Ladendiebstähle oder Raubüberfälle. Nein, diese Filmchen halten Situationen fest, in denen Menschen spontan in Tanz und Gesang ausbrechen, einander um den Hals fallen, anderen selbstlos zur Hilfe eilen und natürlich auch gemeinsam Cola trinken. Kurz, der Clip, der Zuseher aufruft, „die Welt einmal von einem anderen Blickwinkel zu betrachten“, versprüht Optimismus und setzt auf Nächstenliebe. Interessanterweise kommt er trotzdem, oder vielmehr gerade deshalb, bei den abgestumpften, werberesistenten Verbrauchern ausgezeichnet an. Jedenfalls hat das Video bislang knapp vier Millionen Hits und jede Menge begeisterter Rückmeldungen registriert.

Natürlich gibt es auch Kritik. Der Clip eigne sich nicht für eine Coca-Cola-Werbung, die Szenen wirkten gestellt, und das Unternehmen habe sich unmöglich die Erlaubnis der einzelnen Filmprotagonisten sichern können. Mir scheinen diese Einwände eher unbedeutend. Klar, hier spricht niemand konkret über die populäre Limonade. Und Teile des Videos wurden, laut Unternehmensangaben, tatsächlich nachgestellt. Aber darum geht es doch gar nicht. Hier wird weder verfälscht noch irregeführt. Hier wird vielmehr genau verstanden, wie man den heutigen Verbraucher berührt. Mit Gefühl. Mit Stories. Und mit einer Ode auf Positiva, wie Zuversicht, Heiterkeit und Hoffnung, Bestandteilen also, die optimal zur Open Happiness Marketingkampagne von Coca-Cola passen.

Bleibt nur zu hoffen, dass der neue Clip mit seiner Menschenkenntnis und seinem Ruf nach Nächstenliebe, im Marketing und im Leben, Nachahmer finden wird.

Aus der Marketing-Metropole New York:
Yvette Schwerdt

Author: y.schwerdt

Yvette Schwerdt ist Expertin für internationales Marketing mit dem Schwerpunkt Deutschland/Amerika. Sie leitet MADE-to-MARKET , New York. Die Agentur unterstützt Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum bei ihrem USA-Marktauftritt und amerikanische Firmen, die in Deutschland Geschäfte machen. In ihren Artikeln, Kolumnen und Vorträgen, referiert Yvette Schwerdt über interessante, lehrreiche Marketing News.

One thought on “Viraler Videohit setzt auf Menschenkenntnis und Nächstenliebe”

  1. Wenn dieses Beispiel Schule macht, könnte eine Art Marketing Social Responsibility an Boden gewinnen.
    Freut mich.

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