Geht dieses Content Marketing zu weit?

Wenn Sie den Schwerdt Blog lesen, wissen Sie vielleicht, dass ich ein Fan des Content Marketings bin. Die Kunst, Unternehmensziele voranzutreiben, ohne vordergründig zu werben oder zu verkaufen, entspricht dem modernen Zeitgeist, überzeugt den heutigen Kunden, und rechnet sich meist gleich mehrfach. Kein Wunder also, dass sich immer mehr Unternehmen für das Content Marketing entscheiden. Einige treiben die Sache aber jetzt offenbar auf die Spitze. Jüngstes Beispiel: L’Oreal.

Der französische Schönheitskonzern hat einen internationalen Content Hub entwickelt, der in keinster Weise markenspezifisch aufbereitet ist, nichts verkauft, und häufiger die Produkte von Wettbewerbern, als die eigenen vorstellt.

Fab Beauty steht für Flair/Artistry/Beauty, richtet sich an trendige Schönheits-Interessenten und bietet jede Menge hochkarätiger Inhalte von einflussreichen Industrieexperten. Hier werden aber nicht nur Insidertipps vermittelt, sondern auch diverse Kulturen aufgegriffen und Schönheitsrituale aus aller Welt vorgestellt. Tja und natürlich werden auch Produkte und Marken angeführt, die meisten allerdings sind Konkurrenzartikel.

Mit Fab Beauty wolle man nicht Massenumsätze, sondern qualitativ-hochwertiges Kundenengagement generieren, erklärt An Verhulst-Santos. “Es geht um Neutralität, Erfahrung, Kunstfertigkeit und nicht um den Produktverkauf – dafür haben wir andere Anlaufstellen”, so die Top Managerin von L’Oreal.

Beobachter sind begeistert: “Nur wirklich selbstbewusste Marken schaffen so etwas“, lobt beispielsweise Dan Williams von Leo Burnett. Und ganz uneigennützig sei die Initiative ja nicht, weil L’Oreal schließlich viele Informationen und Daten über Kunden und Interessenten gewinnen würde.

Hmm… wirklich? Mir scheint, der Beauty-Konzern ist hier über das Ziel hinausgeschossen. Sicher geht es beim Content Marketing um guten, informativen, unterhaltsamen Content. Das besagt ja schon der Name. Es geht doch aber in erster Linie auch um „Marketing“.

Wie eingangs erklärt, soll die Disziplin Unternehmensziele vorantreiben. Dazu können Imagepflege, Kundenakquise, Steigerung von Bekanntheitsgrad, Umsatz, Kundenloyalität, und dergleichen mehr zählen.

Sich als Marke so weit zurück zu nehmen, wird wohl für keines dieser Ziele zweckdienlich sein. Schlimmer noch, es kann als undurchsichtig und unaufrichtig interpretiert werden.

L’Oreal scheint weder dieser Gedanke, noch das bislang bescheidene Social Media-Feedback zu stören. Und Sie, liebe Leser, was halten Sie von der Aktion?

Aus der Marketing-Metropole New York:
Yvette Schwerdt

Author: y.schwerdt

Yvette Schwerdt ist Expertin für internationales Marketing mit dem Schwerpunkt Deutschland/Amerika. Sie leitet MADE-to-MARKET , New York. Die Agentur unterstützt Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum bei ihrem USA-Marktauftritt und amerikanische Firmen, die in Deutschland Geschäfte machen. In ihren Artikeln, Kolumnen und Vorträgen, referiert Yvette Schwerdt über interessante, lehrreiche Marketing News.

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