Private Gedanken zum Holocaust-Gedenktag*

Yom_Hashoah_candleSie ist sehr elegant. Zierlich und fein und stets sorgfältig gekleidet. Auch ihr Benehmen zeugt von vornehmer Zurückhaltung. Einzig, wenn sie auf Antisemitismus stößt, da verliert Dora die Fassung. Da wird sie zur Löwin. Kein Wunder. Sie war als ganz junges Mädchen knapp ein Jahr lang im Konzentrationslager Auschwitz. Dort hat sie Vater und Bruder verloren. Dort musste sie, zum Skelett abgemagert, ebenso schwere wie sinnlose Sklavenarbeit verrichten. Dort hat sie, entgegen aller Widrigkeiten, überlebt. Zweimal wurde Dora nach links, sprich in den Gaskammer-Tod, geschickt. Zweimal wurde sie, wie durch ein Wunder, gerettet.

Diese Erlebnisse haben Dora geprägt. Und ihre Kinder auch. Im Gegensatz zu vielen anderen KZ-Überlebenden hat sie mit ihnen ganz offen über die Traumata ihrer Jugend gesprochen. Was sie daraus gelernt hat, wollte sie ihren Nachkommen weitergeben. Etwa, die Bedeutung einer guten Ausbildung – „weil Euch das niemand wegnehmen kann“; den Wert des Zusammenhalts – „weil man gemeinsam so viel stärker ist, als allein“ und – einigermaßen erstaunlich – den Glaube an Gott, die Zukunft und das Gute im Menschen – „weil es sich nur so, zu leben lohnt“.

Noch eines, aber, war Dora und ihrem Mann, der ebenfalls in Auschwitz und auch in anderen, notorischen Konzentrationslagern interniert worden war, um und auf: ihre tiefe Verbundenheit zum Staate Israel. Sie lebten und schufen weiterhin in Österreich, betrachteten Israel aber als ihre zweite Heimat. Schließlich bot ihnen der jüdische Staat, der nach zweitausend Jahren der Diaspora endlich Wirklichkeit geworden war, unabdingbaren Schutz. Fortan, das wussten sie, würden Juden nie mehr zum Freiwild anderer Nationen werden, nie mehr – wehrlos und ohne Zufluchtsort –der Willkür ihrer Feinde ausgeliefert sein. Israel, ein freies, souveränes Israel, sei Garant für das Überleben des jüdischen Volkes. Mehr noch: Es diene fortan als Hoffnungsträger für die internationale Gemeinschaft, stünde als Symbol für den Sieg von Humanität über Tyrannei.

Am 27. Januar 2016* gedachte die Welt der Holocaust-Opfer. Dora war tief berührt. Der Tag sei ein wichtiger Anlass, meinte sie. Er würde gleich mehrere Funktionen erfüllen — die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten lassen, die Opfer würdigen und künftigen Generationen die Auswüchse von Rassismus und Gewalt, deutlich vor Augen führen.

Für Ali Khamein war der 27. Januar 2016 ebenfalls ein Anlass. Ein Anlass, nämlich, den Holocaust zu leugnen. Wieder einmal. Die Shoah, so Irans oberster Religionsführer, habe wahrscheinlich gar nicht, und sicher nicht wie berichtet, stattgefunden. Und weil das alles nur Humbug sei, rief Khameini, wie jedes Jahr auch heuer, beherzt, zum internationalen Holocaust-Karikaturenwettbewerb ein.

Ungefähr zeitgleich machte sein Staatspräsident Hassan Rouhani, der seinerseits die Vernichtung Israels zu Irans außenpolitischer Doktrin deklariert hat, diversen europäischen Machthabern die Aufwartung. Er wurde von ihnen höflich empfangen — von vielen sogar, servil bis hin zur Selbstaufgabe, hofiert.

Wie das unwürdige, politische Spektakel rund um den Auschwitz-Gedenktag auf die noch überlebenden Zeitzeugen und besonders auf die elegante, zurückhaltende Dora gewirkt hat — das, liebe Leser, überlasse ich Ihrer Fantasie.

Yvette Schwerdt

* Heute, am 05.05 2016, ist Jom HaShoah, der israelische Holocaust-Gedenktag. Am 27.01.2016 fand dieses Jahr der internationale Holocaust Gedenktag statt, denn an diesem Tag wurde das KZ Auschwitz befreit. An beiden Tage gedenken wir den Opfern des Nationalsozialismus.

Author: y.schwerdt

Yvette Schwerdt ist Expertin für internationales Marketing mit dem Schwerpunkt Deutschland/Amerika. Sie leitet MADE-to-MARKET , New York. Die Agentur unterstützt Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum bei ihrem USA-Marktauftritt und amerikanische Firmen, die in Deutschland Geschäfte machen. In ihren Artikeln, Kolumnen und Vorträgen, referiert Yvette Schwerdt über interessante, lehrreiche Marketing News.

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