Was internationale Marketer von Melania Trump lernen können

Seit Tagen spricht alles über die unselige Rede von Melania Trump. Dabei wird ausschließlich die Wahrscheinlichkeit diskutiert, dass es sich, zumindest in Teilpassagen, um ein Plagiat der Ansprache von Michelle Obama handelt. Wieder und wieder zeigt man die beiden Damen, in einer gnadenlosen Gegenüberstellung, um die Ähnlichkeit der Formulierung herauszustreichen. Mir fallen bei dieser Gegenüberstellung aber partout die Gegensätze auf — Gegensätze, die so meine ich, gerade auch für Menschen, die häufig Vorträge in einer Fremdsprache halten, lehrreich sind.

Eines vorweg: Bei Melania Trump stimmte vieles. Allen voran Stil und Ton. Sie schien, wohl vom Teleprompter unterstützt, frei zu sprechen. Ihr Auftreten war sicher und professionell. Ihre Gesten und ihre Mimik wirkten anmutig. Und doch: Irgendwie fehlte Leben, Wärme, Spontaneität, Authentizität. Das war bei Michelle Obama anders. Im Gegensatz zu Melania Trump, schien Michelle Obama ihren Auftritt zu genießen. Ihr Lächeln war breiter, ihr Blick natürlicher, ihre Diktion einfach sympathischer.

Sicher waren beide Damen ein wenig nervös. Wer wäre das bei einem solchen Anlaß nicht. Sicher auch, hatten sich beide sehr sorgfältig auf ihren Auftritt vorbereitet. Während Michelle Obama aber schien, frei von der Leber zu ihren Freunden zu sprechen und keine Angst vor Fehlern zu haben, wirkte Melania Trump, als würde sie vor der Kamera einen Text deklamieren. Sie sprach korrekt, aber kühl, bedachtsam, aber eben nicht bezaubernd. Es schien, als habe sie ihren Text auswendig gelernt.

Unverständlich ist das nicht. Gerade auch weil Frau Trump nicht gebürtige Amerikanerin ist und nicht in ihrer Muttersprache kommunizierte, war es ihr wohl wichtig, jedes Wort genau einzustudieren. Sie wollte, das spürte man deutlich, Fehler um jeden Preis vermeiden.

Und genau da lag ihr ureigener Kardinalfehler: Sie verpasste die Gelegenheit, ihr Publikum zu engagieren. Dass hier Inhalte abgekupfert wurden, das haben wohl die Speechwriter zu verantworten. Dass es Melania Trump nicht gelang, die Menschen für sich einzunehmen, geht hingegen auf ihre Rechnung. Hätte sie das geschafft, so wären die Vorwürfe und der leidig Spott wohl milder ausgefallen.

Wenn Sie also, liebe Leser, nächstens gefordert sind, in einer Fremdsprache zu kommunizieren, denken sie an das Beispiel von Melania Trump. Streben Sie mehr nach Publikumsnähe und weniger nach Perfektion.

In diesem Sinne…. Happy Public Speaking
Yvette Schwerdt

Author: y.schwerdt

Yvette Schwerdt ist Expertin für internationales Marketing mit dem Schwerpunkt Deutschland/Amerika. Sie leitet MADE-to-MARKET , New York. Die Agentur unterstützt Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum bei ihrem USA-Marktauftritt und amerikanische Firmen, die in Deutschland Geschäfte machen. In ihren Artikeln, Kolumnen und Vorträgen, referiert Yvette Schwerdt über interessante, lehrreiche Marketing News.

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